Offiziell ist die diesjährige Vorwahlsaison noch nicht beendet, aber praktisch müsste schon Außergewöhnliches passieren, um Mitt Romney nach dem Rückzug seines noch aussichtsreichsten Herausforderers Santorum den Sieg zu nehmen. Zeit für mein vorläufiges Fazit also, da sich beruflich auch einige hektische Monate abzeichnen und ich nicht mehr so oft posten werde. Die Vorwahlsaison war mMn eine durchaus interessante, obwohl der Sieger am Schluss mit allergrößter Wahrscheinlichkeit derjenige Kandidat sein wird, der auch vor einem Jahr schon der Favorit war: eben Romney. Das Ergebnis ist also wenig erstaunlich, der Weg dahin war aber eine ziemliche Achterbahnfahrt mit einigen überraschenden Wendungen. Romney hatte bei uns eigentlich immer den Favoritenstatus inne, lag - wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht - eigentlich immer bei über 50.
Es war natürlich zu erwarten, dass ihm ein Herausforderer erwachsen würde, aber hier begannen die Überraschungen und auch die Möglichkeiten, am Markt große Gewinne oder Verluste zu erzielen: Kandidaten, die auf dem Papier wie aussichtsreiche Konkurrenten aussahen - Tim Pawlenty und insbesondere Rick Perry - kamen nie in Schwung oder implodierten auf eindrucksvolle Weise: Ich hätte mir im vergangenen Sommer, als ich fleißig Perry-Aktien aufkaufte, nicht träumen lassen, dass ein Politiker mit einem solch eindrucksvollen Resümee und diversen Trümpfen im Ärmel eine so schwache Figur abgeben würde. Im Gegenzug dazu waren die ernsthaftesten Romney-Rivalen Leute wie Gingrich (dessen Kandidatur ich im vergangenen Sommer für einen schlechten Witz hielt) und Rick Santorum, den bis zum Jahreswechsel fast niemand auch nur kannte. Mit Ausnahme von Romney schieden alle Kandidaten, die bei uns zum Marktstart Einzelaktien hatten, schon früh aus, alle ausdauernden Romney-Gegner dagegen liefen lange unter "Andere".
Von der Marktdynamik her ein Traum: Durch das Favoritensterben und den schnellen Wechsel der Präferenzen in den Umfragen konnte man im letzten Jahr traumhafte Gewinne einfahren; letztendlich war die Zeit vor Beginn der eigentlichen Vorwahlen die lukrativste. Durchaus fordernd, einfach den Umfragen hinterherzutraden war hier keine gute Strategie - so soll es sein an einer Wahlbörse. Der Markt hat dementsprechend viel Spaß gemacht. Für mich persönlich ragen unter den Einzelmärkten einige heraus: Insbesondere Iowa und Iowa 2.0 (Minnesota), weil man hier belohnt wurde, wenn man nicht blind den Umfragen vertraute, sondern auf sein Bauchgefühl hörte, ein Gefühl für den Rhythmus des Auf und Abs einzelner Kandidaten entwickelte und letztendlich etwas riskierte - nämlich auf den Außenseiter Santorum setzte. Positive Erinnerungen bleiben auch an Mississippi, weil ich auch hier dafür belohnt wurde, nicht den Umfragen hinterherzutraden, sondern lieber auf die Rationalität der Romney-Gegner in der GOP (nicht immer ein Oxymoron!) zu setzen, womit ich mir ganz knapp doch noch den Sieg sichern konnte. Ebenfalls gute Erinnerungen bleiben an South Carolina, wo weniger Intuition gefragt war als ein konsequent antizyklisches Handeln. Auf anderen Märkten lief es weniger gut, Virginia beispielsweise hätte mal die von mir komplett verpasste Chance geboten, mit Paul-Aktien ganz groß abzuräumen. Auch beim Super Tuesday - eigentlich ein toller Markt - fehlte mir etwas das Gespür. Insgesamt aber eine amüsante Vorwahlsaison mit jeder Menge Dramatik und einigen recht heiß umkämpften Märkten.
Freuen tue ich mich auf die Herbst-Märkte: Ich wünsche mir einen Prozente-Markt zur Präsidentschaft und auch einen anspruchsvolleren Wahlmännermarkt, die man meiner Meinung nach auch relativ bald aufsetzen könnte, da ja mittlerweile ausreichend Klarheit über die beiden Kontrahenten besteht. Und ich denke durchaus, dass Obama zwar als leichter Favorit gelten kann, das Wahlergebnis (insbesondere die Wahlmännerstimmenanteile) aber sowohl ein Romney-Sieg als auch ein noch klarerer Obama-Triumph als 2008 sein könnte - da ist noch vieles möglich und dementsprechend interessant sollten die Märkte sein, zu denen natürlich auch noch welche zum Repräsentantenhaus und zum Senat kommen sollten. Also: Abgesang auf einen kurzweiligen Frühling und Vorfreude auf einen turbulenten Sommer / Herbst. Wie hat Euch die Vorwahlperiode gemundet?
EDIT: Ein möglicher Markt wäre natürlich der zu Romneys VP. Hier werden schon einige Namen gehandelt; Romney selbst ließ heute verlauten, man werde jetzt intensiv prüfen. Das Problem mit einem solchen Markt ist natürlich, dass wir leicht eine Liste mit den wahrscheinlichsten Kandidaten zusammenstellen könnten, der VP allerdings möglicherweise nicht auf dieser stehen wird: Joe Biden bei den Demokraten hätten wir vor vier Jahren sicher auf der Liste gehabt, Sarah Palin wohl eher nicht.
danke für dein umfassendes und inhaltlich hochinteressantes Fazit
Noch eine Art von Fazit: Jeb Bush bemängelt zwar nicht als Erster, aber immerhin als Stimme des Bush-Clans, dass Ronald Reagan von der heutigen republikanischen Basis von der Vorwahlbühne gebuht werden würde.
und rudert nach kritik stück für stück zurück
am ende (nach 2-3 tzagen) war nur noch obama schuld weil er zu wenig bipartisan sei *g*
Dafür mach ich mal keinen neuen Thread auf. Zwei Märkte stehen ja noch aus, zumindestens der zum Repräsentantenhaus dürfte ordentlich für mich gelaufen sein.
Ansonsten war's aber sehr bescheiden; dass ich mal durch die Bank so mies abschneide bei einer US-Wahl, kann ich höchstens ansatzweise mit der Ablenkung durch die Hochzeit und den Job erklären.
Insbesondere der Swing-States-Markt lag mir am Herzen und da bin ich völlig eingebrochen trotz großem Optimismus vor dem Wahlabend - die Parallelen zu Team Romney sind nicht ganz zufällig. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Warmduscher Mitt Romney nur einen einzigen richtigen Swing State (& Missouri) gewinnt; dank dieses luschigen Auftretens liege ich zwanzig Prozent im Minus in dem Markt, in dem ich mir eigentlich Siegchancen ausgerechnet hatte. Sei's drum. Anderswo schaut's auch nicht wesentlich besser aus, diverse Märkte mit ner roten Zahl, lediglich im komplizierteren Senatsmarkt hab ich es aufs Treppchen geschafft.
Dass Obama gewinnt, damit hatte ich auch gerechnet, aber nicht mit eines so klaren Kiste. Naja, Mund abwischen, habe ja jetzt vier Jahre Zeit, um über das Desaster zu meditieren...
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